07.06.2016

Banken stürzen sich auf Fintechs – andere warnen

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.05.2016, Wirtschaft
 
FRANKFURT, 27. Mai. Die großen traditionellen Banken beteiligen sich zunehmend an Fintechs. Seit Anfang 2015 haben sie direkt oder über Beteiligungs-Töchter schon in 43 solcher Finanz-Start-ups investiert, wie die Beratungsgesellschaft KPMG nun in einer Studie ermittelt hat. Am stärksten engagiert sich demnach die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs (9 Beteiligungen), gefolgt von der Citigroup und dem spanischen Banco Santander (jeweils 7). Deutsche Banken finden sich nicht. „Banken und andere Finanzdienstleister setzen zunehmend auf Kooperation statt Konfrontation mit den neuen Wettbewerbern“, kommentiert KPMG-Partner Sven Korschinowski die Zahlen.
Alles in allem wurden demnach im ersten Quartal dieses Jahres in der ganzen Welt 468 Engagements über 5,7 Milliarden Dollar (5,1 Milliarden Euro) in Fintechs eingegangen. Das war gut doppelt so viel wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Weit mehr als die Banken investierten allerdings nach wie vor Wagniskapitalgesellschaften, nämlich 4,9 Milliarden Dollar. Den Löwenanteil dieser Summe machen zwei Investitionen über jeweils mehr als eine Milliarde Dollar in die beiden chinesischen Plattformen Lu.com und JD Finance. In Deutschland haben die KPMG-Berater 14 Transaktionen gezählt mit einem Volumen von 106,6 Millionen Euro.
Es mehren sich allerdings auch die Stimmen, die vor überhöhten Preisen in dem Segment warnen. Ein Fintech-Investor der ersten Stunde, Marco Brockhaus, der mit seiner Private-Equity-Gesellschaft schon Anfang des Jahrtausends in die späteren deutschen Erfolgsgeschichten Wirecard und 360T investiert hat, sieht derzeit keine aussichtsreichen Kandidaten. „Im Moment sind Fintechs völlig gehypt und viele der Startups viel zu teuer“, sagte Brockhaus im Gespräch mit dieser Zeitung. „Ich sehe mir viele Fintechs an, sehe aber derzeit keine, bei denen Chancen und Risiken adäquat in die Bewertung einfließen.“ Er stelle sich vor einer Investition in solche Firmen immer folgende Fragen: „Ist das Geschäftsmodell skalierbar, wie kommt Liquidität in das System, und ist das Managementteam in der Lage, seine Idee am Markt durchzusetzen?“
Auch das Debakel um die amerikanische Online-Kreditplattform Lending Club mahnt zur Vorsicht. Das lange gefeierte Fintech war kurz nach seinem Börsengang Ende 2014 mit einem Aktienkurs von 22 Dollar bewertet worden. Nach mehreren Negativmeldungen dümpelt der Kurs nun bei 4 Dollar.
 
 
Autor: Tim Kanning
 
 
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