07.03.2017

Handelsblatt: Druck auf Megafonds

Die Finanzinvestoren zahlen im Wettbewerb um lukrative Deals immer höhere Preise. Grund ist der hohe Anlagedruck der Kapitalverwalter.

Ranjan Sen hat die Geduld verloren. Der Managing Partner des Finanzinvestors Advent hat dem Vorstand „ein verbindliches Angebot für die Stada Arzneimittel Aktiengesellschaft“ unterbreitet. 3,6 Milliarden Euro ist dem Private-Equity-Haus der Generika-Hersteller wert. Ein ähnlich hoher Kaufpreis wurde zuletzt beim Autobahn-Tankstellenbetreiber Tank & Rast von einem Konsortium um die Beteiligungsgesellschaft Allianz Capital Partners geboten.

Mit seiner Offerte setzt Sen die Mitbewerber Cinven und Bain sowie den Vorstand unter Zugzwang. Am Montag soll der Stada-Vorstand um Matthias Wiedenfels sagen, ob er das Angebot unterstützt. Der äußerte sich am Wochenende jedoch nur dahingehend, dass er allen Bietern die gleichen Chancen zum Einblick in die Bücher geben will.

Advent betont zwar, dass es nur dann den Aktionären ein öffentliches Angebot unterbreiten will, wenn der Stada-Vorstand zustimmt, weshalb es am Wochenende erneut Gespräche zwischen beiden Parteien gab. Doch diese Form von Druck auf ein Unternehmen hat es in der Geschichte von Private Equity in Deutschland noch nicht gegeben. Selbst eine feindliche Offerte schließen Investmentbanker nicht aus.

Wachsende Konkurrenz

Das zähe Ringen um Stada zeigt, wie hoch der Anlagedruck in der Branche geworden ist. Die 2,5 Billionen Dollar schwere Branche sitzt in diesem Jahr auf 820 Milliarden Dollar, die noch nicht investiert sind, hat Informationsdienstleister Preqin errechnet. Nach einer Studie der Unternehmensberatung Bain, die dem Handelsblatt vorliegt, sind auch die Preise für Übernahmen kontinuierlich gestiegen und haben auf dem US-Markt und in Europa mittlerweile Höchststände erreicht. In den USA zahlen die Beteiligungsmanager im Durchschnitt jetzt fast das Elffache des operativen Ergebnisses (Ebitda) eines Unternehmens (siehe Grafik). Das ist mehr als im Jahr 2007 auf den Tisch gelegt worden war, dem letzten Aktien-Boomjahr vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Die wachsende Konkurrenz der Finanzinvestoren um die Unternehmen und Konzernteile geht auf Kosten der Rendite des Investments. Künftig werde es immer schwieriger werden, deutlich besser abzuschneiden als die Aktienbörsen, befürchtet Bain. Rolf-Magnus Weddigen, Leiter der Private-Equity-Praxisgruppe von Bain, diagnostiziert eine Annäherung der Renditen an den Börsen und im Private-Equity-Markt in den vergangenen Jahren. „Die Beteiligungsbranche ist reifer geworden, und der Wettbewerb wird sehr intensiv geführt. Diese Konvergenz der Renditen wird weitergehen“, stellt er fest. Nach den Ergebnissen der Studie seines Hauses erzielten die Beteiligungsfonds in den zwölf Monaten bis Juni 2016 in den USA eine durchschnittliche Nettorendite von sechs Prozent, der S & P-500-Index kam auf ein Plus von vier Prozent.

Dieser nur noch kleine Renditevorsprung wird in Zukunft ganz verschwinden, urteilt Bain. „Wenn Sie in den Rückspiegel sehen, dann ist da viel Sonnenschein über der Branche. Aber beim Blick nach vorne ziehen einige Wolken auf“, orakelt Weddigen. Umso wichtiger wird es für die institutionellen Investoren, in die Top-Fonds zu investieren. Denn der Renditeunterschied zwischen den besten und schlechtesten Finanzinvestoren ist gewaltig. Im oberen Viertel des Marktes werden zweistellige Renditen erzielt, nicht selten über der Marke von 20 Prozent, während die schlechteren Fonds nur knapp über null schaffen.

Der riesige Geldüberhang im Markt führt auch dazu, dass die Finanzinvestoren riskanter wirtschaften. Daran sind aber auch die Finanzierer der Beteiligungsfonds – Versorgungswerke, Pensionskassen und Stiftungen – nicht ganz unschuldig. Der Anlagedruck sei enorm, zumal die Investoren Unternehmenskäufe forderten, damit die geplanten Mittel für Investments auch abgerufen würden.  Selbst höhere Risiken würden von den Großanlegern dabei in Kauf genommen, sagt Eric Fellhauer, Co-Chef der Investmentbank Lazard in Deutschland.

Der Ansturm der Geldgeber auf die professionellen Firmenhändler ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Großinvestoren derzeit händeringend nach Alternativen zu klassischen Anlagemöglichkeiten wie Anleihen suchen. Denn festverzinsliche Papiere werfen so gut wie nichts mehr ab. Außerdem befinden sich die Aktienbörsen auf Rekordniveau, die Angst vor Rückschlägen wächst.  Wegen der Politik niedriger oder sogar negativer Zinsen auf hohe Einlagen seitens der Notenbanken – allen voran der Europäischen Zentralbank – fließen Milliarden in Private Equity, Hedgefonds oder Sachwerte wie Immobilien und Kunstwerke.

Finanzinvestoren wie Advent kaufen Unternehmen, trimmen diese auf Effizienz und verkaufen sie dann weiter oder bringen sie an die Börse. „Einige Finanzinvestoren werden das günstige Umfeld nutzen, um Firmen, die sie erst in den vergangenen drei Jahren erworben haben, bereits wieder zu verkaufen“, sagt Rainer Langel, Deutschland-Chef der Bank Macquarie.

Die Beteiligungsgesellschaft Advent gehört zu den Schwergewichten am Markt und hat vergangenes Jahr in nur sechs Monaten Geld für einen riesigen Fonds über 13 Milliarden Dollar eingesammelt. Abgesehen von etwa einem Dutzend bekannter Namen wie KKR oder Carlyle ist die Branche unübersichtlich geworden. Über 1 800 Fonds buhlen derzeit um Investoren, berichtet Preqin, gleichzeitig suchen sie lukrative Deals. Binnen Jahresfrist sind 200 neue Private-Equity-Gesellschaften gegründet worden.

Auch auf dem deutschen Markt hat sich die Zahl der Private-Equity-Anbieter erhöht. „Das ist ein lawinenartiges Phänomen“, meint Fellhauer. In den vergangenen drei Jahren sei jährlich immer eine zweistellige Zahl neuer Büros eröffnet worden. Da sei es überlebenswichtig geworden, sich von anderen Finanzinvestoren zu unterscheiden und zu spezialisieren. Brockhaus Private Equity macht das beispielsweise durch „eine Fokussierung auf wachstumsstarke mittelständische Innovations- und Technologieführer“, wie Gründer Marco Brockhaus seine Strategie beschreibt.

Peter Köhler, Robert Landgraf
Frankfurt, 27.02.2017

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