22.12.2016

Handelsblatt: Lukratives Beuteschema

Investoren jagen nach deutschen Technologieführern in Nischenmärkten. Vor Donald Trump fürchten sie sich nicht.

Er ist ein Pionier im deutschen Beteiligungsmarkt, und er hat es ziemlich weit nach oben gebracht: Marco Brockhaus residiert heute in der 27. Etage des „Nextower“, der wohl exklusivsten Hochhausadresse mitten in der Frankfurter City. Glas bis zum Boden, gediegenes Edelholz, glänzender Stahl – und der Blick reicht von hier aus sogar über die hessische Landesgrenze hinaus. Bekannt wurde der heute 48-jährige Manager nach der Jahrtausendwende mit Venture Capital, also Risikokapital für Jungunternehmer. Doch nach einem Strategieschwenk ist Brockhaus jetzt schon seit langen Jahren im etablierten Mittelstand unterwegs. Und die Stimmung in diesem Segment ist derzeit bestens – Beteiligungskapital steht bei den institutionellen Investoren hoch im Kurs.

„Das Umfeld für die Auflage neuer Beteiligungsfonds ist unverändert gut. Wegen des Niedrigzinses führt derzeit kein Weg vorbei an den alternativen Anlageklassen, zu denen auch Private Equity gehört“, sagt Brockhaus im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das Einsammeln neuer Mittel ist heute für Beteiligungsfonds schon fast leichter, als das Geld auch sinnvoll auszugeben. Denn die Preise für den Kauf von mittelständischen Firmen sind dramatisch nach oben geschossen. „Bei Unternehmen mit sehr guten Wachstumschancen wird es unglaublich teuer, es gibt da irre Bewertungen. Für einige Software-Spezialisten wurden zuletzt Multiples aufgerufen, die um die 25 lagen. Das heißt, man bezahlte rund 25-mal den operativen Gewinn (Ebitda). Die Krux im Markt ist momentan, Unternehmen zu vernünftigen Preisen zu kaufen“, sagt Brockhaus, der auf Transaktionen zwischen 20 und 100 Millionen Euro spezialisiert ist und der die übernommenen Firmen beziehungsweise die Beteiligungen rund vier bis sechs Jahre hält.

Die Einschätzung entspricht auch der Stimmung im Gesamtmarkt. Das vom Handelsblatt veröffentlichte „German Private Equity Barometer“ (GPEB) legte im dritten Quartal um zwölf Zähler auf 59,6 Punkte zu. Der von der staatlichen Förderbank KfW und dem Branchenverband BVK berechnete Gradmesser signalisiert vor allem bei den Finanzierern für junge Technologiefirmen wachsende Zuversicht, bei denen man sich dem Rekordhoch aus 2015 nähert. Aber auch die Geldgeber für reife Firmen sind optimistisch. Unzufrieden sind die Private-Equity-Manager nur mit der Qualität des „Dealflows“ – es mangelt an lohnenden Übernahmeobjekten.

Die Gemütsverfassung der Geldgeber ist wichtig für den Mittelstand. Denn Beteiligungskapital ist mittlerweile fester Bestandteil der Unternehmensfinanzierung geworden. 2015 steckten die Private-Equity-Fonds immerhin 5,3 Milliarden Euro in gut 1 200 Unternehmen. Zusammen mit Investments aus den Vorjahren haben die im BVK organisierten Finanzinvestoren gut 39 Milliarden Euro in 5 900 Firmen gesteckt. Und die Investments lohnen sich, wie das jüngste Beispiel von Tesla Motors zeigt: Der kalifornische Hersteller von Elektroautos kaufte in der Eifel den deutschen Spezialisten Grohmann Engineering. Mit von der Partie war die Deutsche Beteiligungs AG (DBAG), die ein Viertel an Grohmann besaß.

Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten konnte das GPEB nicht berücksichtigen, aber die meisten Private Equity-Manager erwarten keine negativen Auswirkungen auf den deutschen Beteiligungsmarkt. „Wegen des Wahlausgangs in den USA wurde zumindest in Deutschland noch kein Deal auf Eis gelegt. Sollte Trump seine protektionistischen Handelsvorstellungen wirklich umsetzen, dann würde der deutsche Beteiligungsmarkt vielleicht sogar noch attraktiver werden für ausländisches Kapital“, meint Guido May, Partner von Silverfleet Capital in München. Vor allem die Dollar-Stärke könnte dazu führen, dass mehr asiatische und amerikanische Interessenten in Deutschland aktiv werden. Und die prognostizierten Zinserhöhungen in den USA werden nach Ansicht von Experten auch nicht unmittelbar auf die europäischen Märkte durchschlagen. Die Europäische Zentralbank wird sich nämlich länger Zeit lassen, bis sie der Fed folgt. „Und der Druck auf die Margen der Banken ist unverändert hoch, deshalb dürfte die Fremdfinanzierung bei den Transaktionen weiterhin günstig bleiben. Von dieser Seite sehen wir kein Störfeuer“, meint May. Allerdings könnte es für die kapitalverwöhnten Start-ups mittelfristig schwerer werden. Trump stehe nicht für die „Werte“ des Silicon Valleys, etwa die Internationalität, sagt ein Branchenbeobachter.

Beteiligungsfonds wie Brockhaus wären davon nicht tangiert, weil sie wie Trüffelschweine im Mittelstand herumwühlen und Start-ups meiden. „Wir suchen Innovations- und Technologieführer im Mittelstand, die Wachstumsraten von 15 bis 20 Prozent aufweisen können und die global expandieren wollen. Außerdem müssen die Unternehmen schon mit Gewinn arbeiten“, skizziert Brockhaus sein Beuteschema. Für solche Firmen gebe man Wachstumskapital. Momentan seien rund 30 interessante Zielunternehmen im Markt, ein gutes Dutzend habe man sich intensiver angeschaut. Um die „Hidden Champions“ zu finden, müsse man viel draußen unterwegs sein, erste Kontakte könne man beispielsweise auf Messen knüpfen. „Man muss an vielen Bäumen schütteln, um zu ernten.“

 

Handelsblatt, 23.11.2016, Autor Peter Köhler, Frankfurt

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