22.12.2016

Börsen-Zeitung: „Leider Gottes wurde der Neue Markt am Tiefpunkt beendet“

Finanzmarktprofis nehmen Entwicklung der Aktienkultur ins Visier – In Deutschland anderes Risikoempfinden als in den USA

ds Frankfurt – Wieso lahmt das IPO-Geschäft in Deutschland? Was läuft in den USA besser? Und was ist zu tun, um Aktienkultur und Börsengänge hierzulande zu fördern? Darüber wurde in einer Podiumsdiskussion auf dem Deutschen Eigenkapitalforum kontrovers diskutiert.

Sechzehn Jahre nach dem Platzen der Dotcom-Bubble weinte Marco Brockhaus, Gründer von Brockhaus Private Equity, dem 2003 untergegangenen Neuen Markt noch ein paar Tränen nach: „Ende der neunziger Jahre war in Deutschland durchaus Aktienkultur vorhanden. Doch leider Gottes wurde der Neue Markt am Tiefpunkt beendet“, sagte er. Die US-Technologiebörse Nasdaq, damals ebenfalls stark gebeutelt, sei heute wieder ein attraktiver und hochliquider Markt. „Das hat auch etwas mit Akzeptanz von Volatilität zu tun, und wenn man die nicht akzeptiert, ist es schwierig, zu investieren‘‘, so Brockhaus. Das gelte nicht nur für den Privatanleger, sondern auch für Institutionelle wie Versicherer, deren Aktienquote trotz Nullzins- bzw. Negativzinsphase vergleichsweise niedrig sei.

Beim Warten und beim Essen

Dass die Entwicklungen am Neuen Markt hierzulande „20 Jahre später noch rausgekramt werden als Entschuldigung für fehlende Aktienkultur, ärgert uns“, sagte Gerrit Fey, Head of Capital Market Affairs beim Deutschen Aktien Institut (DAI). Die Deutschen hätten in der Zwischenzeit zwei weitere Finanzkrisen erlebt, und, so Fey: „Wer durchgehalten hat und auch auf die großen Standardwerte gesetzt hat, konnte eine wunderbare Rendite erzielen.“ Um die Aktienkultur zu beleben, schlug Fey vor, Mitarbeiterbeteiligung zu fördern oder es Banken leichter zu machen, bei Aktieninvestments zu beraten. Die Politik sei, geprägt von den Erfahrungen der Finanzkrisen, noch dabei, die Balance zwischen Regulierung und Freizügigkeit zu finden. Glücklicherweise setze sich aber „die Erkenntnis durch, dass es ohne den Kapitalmarkt nicht geht“. Fey räumte gleichwohl ein, dass es während des Internet-Hypes um die Jahrtausendwende vielerorts an Basiswissen gefehlt habe: „Damals sprach man beim Warten an der Bushaltestelle und in den Familien beim Abendessen über Aktien“, aber gefehlt habe das Fundament, das Menschen hätten, die wie in den USA bei Aktieninvestments schon viele Schwankungen miterlebt hätten. Anderes Risikoempfinden in den USA: Die Erfahrung hat auch Constantin Birnstiel, IR-Manager bei Uniper, gerade gemacht. „Wir waren bei unserer Roadshow überrascht vom großen Interesse in den USA“, sagte er. Dort habe man erkannt, dass Uniper nicht für ein auslaufendes Geschäftsmodell stehe, sondern für Versorgungssicherheit.

„O je, o je“

In Deutschland sei Uniper dagegen als ,,Resterampe deutscher Stromerzeuger‘‘ betrachtet worden, und sinngemäß sei zu hören gewesen: „O je, o je, mit Eon und RWE habe ich schon viel Geld verloren.“ Für Tim Albrecht, Managing Director der Deutschen Asset Management Investment, haben die Vorbehalte der Deutschen gegen Aktien auch mit dem hierzulande zuweilen negativen Image des Investierens an der Börse zu tun: „Der Bundesbürger ist an sich stolz auf die deutsche Wirtschaft und auf die deutschen Unternehmen. Aber wenn es darum geht zu investieren, dann wird das eher als Kasinomentalität angesehen.“ Er frage sich aber, was die Leute davon abhalte, in breit aufgestellte Aktienfonds zu investieren.

Bei vielen, die sich einst am Neuen Markt die Finger verbrannten, wirkt bis heute nach, dass damals zahlreiche Unternehmen nicht sonderlich ehrlich mit ihren Aktionären umgingen. Das soll anno 2016 anders sein. „Auch die schlechten Themen müssen offen und transparent kommuniziert werden“, resümierte Britta Schmidt, IR-Managerin bei Scout24.

Börsen-Zeitung, 22.11.2016, Autor Daniel Schauber, Frankfurt

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